SALUZER Der BLOG
Schreiben, was wir denken - unabhängig und unbeeinflusst. Das wollen wir. Unsere Texte werden kritisch, politisch, besinnlich und kulturell geprägt sein und immer wieder durch etwas Neues, nicht selten auch Amüsantes, ergänzt werden. Kommentare und Textbeiträge nehmen wir jederzeit gerne entgegen. Sie werden von uns wahlweise veröffentlicht oder als Anregung verstanden.

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- Peter-Jürg Saluz
Man begegnet ihr nicht überall. Im Kreml, im Weissen Haus und am Fifa-Hauptsitz wird man sie bestimmt nie antreffen. Mit ihr konfrontiert wird man aber fast täglich. Ich spreche von der Scham, die mich oft beschäftigt und unter der ich möglichst nie leiden will.
Ich kenne Männer, die darunter leiden, dass nicht mehr alles funktioniert, und die sich dafür schämen. Mir sind in früheren Jahren Menschen begegnet, die das Schreiben und Lesen nie richtig erlernt haben bzw. nie richtig erlernen konnten. Sie haben sich für dieses Manko ebenfalls geschämt.
Ganz traurig macht es mich, wenn sich armutsbetroffene Kinder schämen, weil sie im Label-Wettstreit ihrer Generation nicht mithalten können. Schämen aber sollten sich jene, die diesen Kummer ignorieren.
Eigentlich ist es ganz einfach: Wer sich schämen müsste, tut das in aller Regel nicht. Dafür schämen sich viele Menschen, die das eigentlich gar nicht sollten.
Schlimm finde ich Menschen, die aggressiv werden, weil sie sich ihrer Meinung nach schämen müssten, das aber sich und anderen nicht eingestehen wollen. Wer altersbedingt immer schlechter hört und sich gleichzeitig einbildet, dass man sich für ein Hörgerät schämen müsste, gehört nicht selten zu dieser Gruppe.
Wer glaubt, sich schämen zu müssen, leidet meistens unter einem Orientierungsfehler. Er orientiert sich daran, was andere von ihm denken oder denken könnten. Das ist grundfalsch und immer ein Anzeichen für ein viel zu geringes Selbstwertgefühl.
Wenn sich gute Menschen unnötigerweise schämen, ist das meistens die Schuld ihres Umfeldes. Diese Erkenntnis zwingt mich zu Achtsamkeit. Ich will auf keinen Fall, dass sich jemand meinetwegen schämt. Das wäre höchstens der Fall, wenn ich – was sicher nie passieren wird – die Wege von Putin, Trump, Infantino oder anderen schrecklichen Menschen kreuzen müsste.
Wenn achtenswerte Menschen denken, dass sie sich meiner Ansichten wegen schämen müssen, liegt die Schuld bei mir. Ihnen sollte man deshalb den Satz der klugen Gisèle Pelicot zurufen: «Die Scham muss die Seite wechseln.» Ich werde aber durch achtsames Verhalten alles tun, damit Scham in meinem Umfeld auf keiner Seite Platz findet.
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- Peter-Jürg Saluz
Wenn man auf vergangene Lebensjahre zurückblickt, ist das häufig ziemlich aufschlussreich. Ich werde dann oft – allerdings natürlich immer zu spät – selbstkritisch. Was hätte ich nicht alles machen, besser machen oder unterlassen sollen? Unerledigtes kann man manchmal zwar nachholen, wenn eine Chance noch besteht und nicht längst verpasst worden ist.
Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang die Frage, ob stoische oder vorausschauende Menschen klüger sind. Eine Wertung kann ich allerdings nicht vornehmen. Ich glaube jedoch, dass man mit stoischer Gelassenheit, also als eher gleichgültiger Mensch, leichter durch das Leben geht. Mir fehlen dafür allerdings die notwendigen Charaktereigenschaften.
Das Gefühl, meine Liebsten und alle mir nahestehenden Menschen von aller Unbill fernhalten zu müssen, habe ich schon in frühen Jugendjahren entwickelt und nie mehr abgestreift. Vermutlich ist das für meine Familie manchmal ziemlich hinderlich gewesen. Was man heute als Helikopter-Eltern bezeichnet, haben meine Kinder dank ihrer klugen Mutter nur zu 50 und nicht zu 100 Prozent erlebt.
Ich würde heute wirklich vieles anders machen und vor allem meine für andere bisweilen beängstigende Fürsorge drosseln. Allerdings habe ich das bis heute noch nie geschafft.
Kürzlich habe ich mich darüber mit einem bald 90-jährigen Mann unterhalten und dabei auch das Thema «Loslassen» besprochen, weil sich meine Gedanken fast täglich darum drehen. Der Mann wollte von mir wissen, wie ich die Zukunft und das auf mich Zukommende plane. Er hat mir fast amüsiert zugehört und am Schluss meiner umständlichen Ausführungen erklärt, er plane nichts, denke nicht perspektivisch und löse Probleme nur – oder erst dann –, wenn sie entstünden. Ich bin also nicht schlauer geworden. Die Frage, ob stoische oder vorausschauende Menschen klüger sind, ist unbeantwortet geblieben.
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- Peter-Jürg Saluz
Ein Bekannter von mir erlebt in seinem Wohnquartier tagtäglich ein Freilichtschauspiel, das er und seine Nachbarschaft – je nach persönlicher Wahrnehmung – als belustigend, befremdlich oder unfreundlich, keineswegs jedoch als beängstigend empfinden. Wo mein Bekannter wohnt, soll aus Gründen der Diskretion unerwähnt bleiben.
Die Haupt- beziehungsweise Einzelakteurin dieses täglich mehrfach aufgeführten Schauspiels pflegt ein ganz besonderes Ritual. Sie tritt unzählige Male vor das Haus, schliesst die Haustüre, dreht sich um, zieht am Zugseil einer kleinen Glocke und betritt nach kurzem Gebimmel das Haus wieder. Wenig später wiederholt sich dieselbe Zeremonie – und dies mehrmals am Tag.
Nähern sich Fremde oder sogar Nachbarn dem Haus der ungewöhnlichen Bewohnerin, öffnet sich häufig die Haustüre einen Spalt, worauf mit energischem Schwung ein Eimer Wasser auf den Vorplatz geschüttet wird. Dass ein solches Verhalten als ausgesprochen unfreundlich empfunden wird, versteht sich von selbst.
Mein Bekannter fragte mich, was ich von diesen regelmässigen Vorkommnissen halte und ob allenfalls Voodoo im Spiel sein könnte. Das veranlasste mich, mich etwas näher mit diesem Thema zu befassen.
Voodoo – auch Vodou oder Vodun genannt – bezeichnet eine Gruppe von Religionen und spirituellen Traditionen westafrikanischen Ursprungs mit Schwerpunkten in Benin und Togo. Durch den transatlantischen Sklavenhandel entwickelten sich weitere Ausprägungen, darunter der haitianische Vodou. Voodoo umfasst Ahnenverehrung, Rituale, Musik, Tanz und die Verehrung spiritueller Wesen. Die verbreitete Vorstellung von schwarzer Magie oder Voodoo-Puppen entspricht hingegen weitgehend populären Klischees.
Auch in Kuba bestehen spirituelle Traditionen afrikanischen Ursprungs. Sie werden jedoch meist nicht als Voodoo bezeichnet. Zu den bedeutendsten zählen Santería, Palo Monte und Abakuá. Es handelt sich um eigenständige Glaubenssysteme mit Ritualen, Ahnenverehrung und spirituellen Praktiken. Wie beim haitianischen Vodou stehen Glaube, Gemeinschaft und Spiritualität im Mittelpunkt – nicht Schadenszauber oder Magie.
Für Voodoo-Flüche oder andere angeblich übernatürliche Angriffe gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Persönliche Schutzrituale können jedoch als spirituelle oder psychologische Unterstützung durchaus hilfreich sein. Dazu gehören Gebete, Gespräche mit religiösen Bezugspersonen, symbolische Reinigungsrituale oder ganz allgemein Massnahmen zur Stärkung des eigenen Wohlbefindens.
Das Verhalten der Nachbarin meines Bekannten mag deshalb zwar unerquicklich, lästig und wenig nachbarschaftlich sein; Anlass zu ernsthafter Beunruhigung besteht jedoch nicht.
Ich empfehle daher Gelassenheit. Sollte sich diese wider Erwarten nicht einstellen, wäre als augenzwinkernde Gegenmassnahme die Anschaffung einer artgleichen Glocke mit Zugseil sowie – für ein allfälliges Wasserduell – einer wasserspritzenden «Pump-Gun» denkbar. Die weitaus wirksamste Strategie dürfte allerdings darin bestehen, das Schauspiel mit gelassener Gleichgültigkeit zu quittieren.
