SALUZER Der BLOG
Schreiben, was wir denken - unabhängig und unbeeinflusst. Das wollen wir. Unsere Texte werden kritisch, politisch, besinnlich und kulturell geprägt sein und immer wieder durch etwas Neues, nicht selten auch Amüsantes, ergänzt werden. Kommentare und Textbeiträge nehmen wir jederzeit gerne entgegen. Sie werden von uns wahlweise veröffentlicht oder als Anregung verstanden.

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- Peter-Jürg Saluz
Wer sich vor einen Spiegel stellt, erkennt Unschönes auf Anhieb. Ich bin deshalb sogar beim Anblick von mir selbst manchmal ganz kräftig erschrocken.
Weil Röntgenaugen nichts nützen, wenn jemand sein Innerstes ergründen will, erweist sich die Selbsterkenntnis als eine schwierige Disziplin. Das sollte uns aber Ansporn sein und uns nicht von einer kritischen Überprüfung des eigenen Denkens und Handelns abhalten.
Denn kaum etwas fällt dem Menschen schwerer, als sich selbst ehrlich zu betrachten. Fehler bei anderen entdecken wir oft innerhalb weniger Sekunden. Wir sehen ihre Schwächen, ihre Eitelkeiten, ihre Ungeduld oder ihre Widersprüche mit erstaunlicher Klarheit. Geht es jedoch um die eigene Person, wird der Blick unscharf. Wir neigen dazu, unser Verhalten zu entschuldigen, unsere Motive zu beschönigen oder unangenehme Wahrheiten geschickt zu verdrängen. Das eigene Ich schützt sich mit grosser Beharrlichkeit vor Kritik.
Dabei beginnt echte Reife genau dort, wo ein Mensch bereit ist, sich selbst infrage zu stellen. Selbsterkenntnis bedeutet nicht, sich ständig Vorwürfe zu machen. Vielmehr verlangt sie den Mut, ehrlich hinzusehen.
Wer um seine Schwächen weiss, kann an ihnen arbeiten. Wer seine Grenzen kennt, wird verständnisvoller gegenüber anderen. Und wer die eigenen Irrtümer eingesteht, gewinnt oft mehr Stärke als durch jedes krampfhafte Festhalten am eigenen Stolz.
Viele Menschen vermeiden diese Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Alltag bietet genügend Ablenkungen, um unangenehmen Gedanken auszuweichen. Arbeit, Unterhaltung, soziale Medien oder oberflächliche Gespräche füllen die Stunden und lassen kaum Raum für stille Selbstprüfung. Doch gerade die Stille wäre notwendig. Erst wenn äussere Geräusche verstummen, werden die inneren Stimmen hörbar.
Nicht selten entdecken wir dabei Eigenschaften an uns, die wir lieber verborgen halten würden: Neid, Bequemlichkeit, Angst, verletzten Stolz oder den Wunsch nach Anerkennung. Solche Erkenntnisse können schmerzhaft sein. Sie erschüttern das Bild, das wir gerne von uns selbst haben. Dennoch liegt in dieser Ehrlichkeit eine grosse Chance. Denn nur wer seine Schattenseiten kennt, kann verhindern, dass sie unbewusst das eigene Handeln bestimmen.
Selbsterkenntnis ist deshalb kein einmaliger Vorgang, sondern ein lebenslanger Prozess. Der Mensch verändert sich ständig durch Erfahrungen, Begegnungen und Enttäuschungen. Was gestern noch selbstverständlich erschien, kann morgen bereits fragwürdig wirken. Deshalb genügt es nicht, sich einmal mit sich selbst beschäftigt zu haben. Selbstprüfung ist wiederkehrend notwendig.
Hilfreich dabei sind oft Gespräche mit vertrauten Menschen. Freunde, Familienmitglieder oder Partner sehen manchmal Dinge, die uns selbst verborgen bleiben. Zwar hören wir Kritik selten gerne, doch ehrliche Rückmeldungen können wertvoll sein. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft zuzuhören, ohne sich sofort zu verteidigen.
Auch Niederlagen und Krisen fördern häufig die Selbsterkenntnis. Erfolg macht leicht selbstsicher und blind für eigene Schwächen. Scheitern dagegen zwingt dazu, innezuhalten und über das eigene Verhalten nachzudenken. Viele Menschen berichten, dass sie gerade in schweren Zeiten am meisten über sich selbst gelernt haben.
Selbsterkenntnis darf aber nie in Selbstzerfleischung ausarten. Wer sich nur noch auf seine Fehler konzentriert, verliert leicht den Mut oder gar die Lebensfreude. Zu einer ehrlichen Selbstbetrachtung gehört auch die Fähigkeit, eigene Stärken anzuerkennen.
Jeder Mensch besitzt Talente, gute Eigenschaften und die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Wahre Selbsterkenntnis bedeutet daher, sich weder besser noch schlechter zu sehen, als man tatsächlich ist.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Schwierigkeit dieser Disziplin: Der Mensch muss lernen, sich mit offenen Augen zu betrachten, ohne sich dabei selbst zu täuschen und ohne den Mut zu verlieren. Das verlangt Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und innere Stärke.
Wer diesen Weg jedoch ernsthaft geht, gewinnt etwas sehr Wertvolles. Selbsterkenntnis schafft Klarheit. Sie macht unabhängiger von falschem Stolz und oberflächlicher Selbstdarstellung. Sie hilft, bewusster zu handeln, verständnisvoller mit anderen umzugehen und verantwortlicher zu leben.
Am Ende erkennt der Mensch vielleicht, dass er niemals vollkommen sein wird. Doch gerade diese Einsicht kann befreiend wirken. Denn nicht Perfektion macht einen Menschen glaubwürdig, sondern die ehrliche Bereitschaft, sich selbst immer wieder zu prüfen und an sich zu arbeiten.
Jetzt habe ich mich, auch mit etwas KI-Hilfe vermeintlich klug geäussert und mir gerade deshalb bewiesen, dass der Weg zur Selbsterkenntnis schwierig und steinig ist. Ich beginne daher umgehend mit dem Trainieren der für einen Erfolg massgebenden Eigenschaften. Umso besser, wenn ich dabei merke, dass nicht alles an mir schlecht ist.
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- Peter-Jürg Saluz
Heute soll ein sogenannter Vorlesetag sein. Das habe ich soeben im Radio gehört. Da ich so kurzfristig keine Zuhörerinnen und Zuhörer finden werde, kann ich mich nur mit dem Schreiben begnügen und nicht vorlesen.
Ich soll als Kind vergleichsweise wortreich, fantasievoll und inspirierend gewesen sein. Bekannt bin ich für meine vorschulischen Wortschöpfungen gewesen. An meine «Meinods-Geschichten» und «Meinods-Lieder» haben sich meine Eltern und viele Verwandte noch lange nach meiner Kinderzeit erinnert.
Was ich mit «Meinods» gemeint habe, ist schnell erklärt. Mir hat damals der Begriff «Ode» mit seiner Bedeutung gefallen. «Oden» wollte ich deshalb auch haben. Sie sollten «mein» sein.
Meinods-Lieder waren jeweils schnell erfunden. Jeder gehörte Akkord war für ihr Entstehen eine eigentliche Startrampe. Nach der Zündung entstand immer ein furioses Tonspektakel mit Wohlklängen, Misstönen und Disharmonien. Das musikalische Intermezzo konnte fröhlich, sehr traurig oder leicht melancholisch sowie kurz oder episch lang sein. Man hat dabei immer meine Empfindungen gespürt.
Mit den Meinods-Geschichten ist es ein wenig anspruchsvoller gewesen. Ich hatte nämlich mit drei jüngeren Brüdern eine kritische Zuhörerschaft. Vorlesen musste ich ihnen kaum je etwas. Sie wollten nämlich immer nur noch unveröffentlichte Geschichten hören. Den Anfang derselben haben wir stets gemeinsam festgelegt. Wie sich die Geschichte entwickeln und zu welchem Ende sie letztlich kommen würde, war im Voraus nie zu erkennen.
Als «Meinods-Autor» habe ich mir alle Optionen offengehalten. Wichtig war der Blickkontakt während des Vortragens der Geschichte. Wenn Schalk in den Augen meiner Brüder aufgeblitzt hat, bin ich noch eine Prise lustiger geworden, oft vielleicht sogar zu übermütig. Traurige Augen haben ebenfalls etwas bewirkt, denn meine Geschichte musste dann zwangsläufig tröstlich fortgesetzt werden.
Die Epoche der Meinods-Lieder und Meinods-Geschichten liegt viele Jahrzehnte zurück, aber die Erinnerung ist geblieben. Deshalb würde ich gerne die mir noch zustehende Lebenszeit zu einer besonderen Meinods-Geschichte machen.
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- Peter-Jürg Saluz
Manchmal bereitet mir das Bewerten eines Sachverhalts Mühe. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn mich jemand fragt, welches die glücklichste Zeit meines Lebens gewesen sei. Selbstverständlich müsste ich dann jene Jahre nennen, die ich mit den mir liebsten und wichtigsten Menschen verbringen durfte oder noch verbringen darf.
Mein Dilemma besteht jedoch darin, dass ich in früheren Zeiten noch nichts von den Menschen wusste, die ich erst liebte, nachdem sie in mein Leben getreten waren. Darf ich also sagen, dass mir die Zeit um 1960 die glücklichsten Jahre beschert hat? Ich glaube es nicht und hätte Mühe mit einer solchen Aussage.
Die Frage, wann ich mich am glücklichsten gefühlt habe, lässt sich hingegen leichter beantworten – beinahe auf ein bestimmtes Jahr genau. Wenn ich an erste Liebschaften, die bestandene Fahrprüfung und den ersten beruflichen Abschluss denke, weiss ich genau, wann dies alles gewesen ist. Die Erinnerung an diesen Lebensabschnitt ist zudem eng mit Melodien sowie mit Interpretinnen und Interpreten jener Zeit verbunden.
Ebenso erinnere ich mich daran, dass meine Generation damals fest an einen weiteren wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg glaubte und kaum je Angst vor einer negativen Entwicklung hatte. Das Ende des Vietnamkriegs schenkte uns Hoffnung auf Frieden, und dass die Umwelt durch den Menschen zerstört werden könnte, wäre uns damals nie in den Sinn gekommen.
Sie verstehen nun sicher, weshalb die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts für mich wunderschön und aussergewöhnlich gewesen sind.
Wirklich reich gemacht haben mich jedoch die späteren Jahre mit der eigenen Familie und einem wunderbaren Freundeskreis. Deshalb fällt mir die rückblickende Bewertung und Rangierung der verschiedenen Lebensphasen schwer.
Dennoch weiss ich seit längerer Zeit, dass ich die heutige Gegenwart in einem späteren Rückblick wohl kritisch beurteilen werde. Wenn man von der Zukunft nichts Gutes mehr erwarten kann, erscheint die Vergangenheit glorios und im Rosanebel sogar unvergleichlich.
Wer dies erkennt, sollte jedoch auf der Hut sein und bedenken, dass die nachfolgenden Generationen ein Anrecht auf Hoffnung und Zuversicht haben. Deshalb wollen wir Älteren solidarisch sein und jeden uns möglichen Beitrag leisten, damit junge Menschen wieder an eine Renaissance des Guten glauben können.
Vielleicht sollten wir zur Stärkung der Gedanken auch wieder einmal singen – rund um die Welt mit allen Generationen. Den Liedtext müsste man nicht vorschreiben. Einzig den Refrain sollten wir von John Lennon übernehmen. Sie erinnern sich noch?
GIVE PEACE A CHANCE!
