SALUZER Der BLOG
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- Peter-Jürg Saluz
Viele von ihnen sind mittlerweile nicht mehr da, einige aber zurückgekommen. Gemeint sind jene Kameraden, die ich vor Jahren, sogar vor Jahrzehnten, kennen und schätzen gelernt habe. Wenn Kontakte während langer Zeit unterbrochen gewesen sind und plötzlich wieder erneuert werden, ist das faszinierend. Man entdeckt dann längst vergessene Gemeinsamkeiten und freut sich an diesen. Das Umgekehrte passiert allerdings auch. Das ist dann aber nicht so erfreulich.
Mir passiert es immer wieder, dass ich bei „wieder aufgetauchten“ Bekannten das Gemeinsame vermisse. Es ist zwar fast immer noch vorhanden, wenn wir Vergangenes besprechen. Beim Aktuellen fehlt leider sehr oft die Übereinstimmung. Das merke ich besonders dann, wenn politische Themen besprochen werden. Vor Urnenabstimmungen sind die Differenzen oft sogar riesig. Selbstgerecht führe ich das darauf zurück, dass ich mich weiterentwickelt habe…
Wenn der gemeinsame Nenner fehlt, verflüchtigt sich die Freude an alten Bekanntschaften. Dann wird die Kontaktpflege, die man gezwungenermassen nicht mehr unterbrechen kann, zum Zwang. Das würde jedes Gespräch mühsam machen, wenn es nicht die Vergangenheit und zusätzlich ein paar ganz widerliche Zeitgenossen wie Putin, Trump + Co. als einigenden Gesprächsstoff gäbe.
Geteilte Erinnerungen verbinden auch Menschen, die sich unterschiedlich entwickelt haben. Im Kreis von Männern werden daher sehr gerne militärische oder sportliche Erlebnisse besprochen. Das Lieblingsthema von Schweizer Männern meiner Generation ist wirklich der Militärdienst, über den man episch lange sprechen kann. Interessanterweise wird dabei ehemals Lästiges, Unangenehmes ganz lustvoll besprochen. Was damals Scheisse war, ist plötzlich Zuckerguss.
Wenn ich die Güteklasse meiner Bekannten summarisch bewerte, wird mir klar, dass es zwischen den Dauerbekannten und den wieder gefundenen einen spürbaren Unterschied gibt. Am liebsten pflege ich Beziehungen mit jenen Menschen, die sich gemeinsam mit mir unterbruchslos weiterentwickelt haben. Ihnen gegenüber empfand und empfinde ich stets Vertrauen und muss dieses nicht nach einem langen Unterbruch wieder aufbauen. Wir kennen uns und müssen uns deshalb nicht neu kennenlernen. Es stimmt einfach alles.
Einen traurigen Unterschied gibt es leider zwischen den beiden Bekanntenkategorien. Bei den einen kommt gelegentlich jemand dazu, bei den anderen fehlt immer öfter ein liebgewonnener Mensch. Dass man dann Trauer empfindet, ist normal. Bei vergessenen Menschen passiert das logischerweise nicht.
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- Peter-Jürg Saluz
Männer haben die Frauen, die sie verdienen. Umgekehrt sollte es auch so sein. Bei mir passt diese Feststellung allerdings nur bei individueller
Betrachtung. Ziehe ich hingegen für meine Generation eine Bilanz, stimmt die Aussage zwar im Grundsatz immer noch, doch meine persönliche Bilanz gerät ins Wanken.
Männer meiner und früherer Generationen haben Frauen schamlos unterdrückt, geringgeschätzt und nicht selten gönnerhaft oder mitleidig belächelt. Dass darauf eine Reaktion folgen musste, überrascht nicht. Strafe musste ja sein, so scheint es jedenfalls.
Heute erleben wir mitunter eine weibliche Meute am Drücker, die sich ehemals männlicher Mittel bedient, um ihre Position zu behaupten oder auszubauen. Die Geringschätzung, die Frauen über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erfahren haben, wird nun teilweise über uns Männer ausgeschüttet. Bei mir, wenn auch längst nicht bei jedem Mann, bleibt das meist ohne nachhaltige Folgen.
Meine persönlichen und beruflichen Erfahrungen mit Frauen sind reich genug an positiven Begegnungen, weshalb keine bitteren Empfindungen hochkochen. Ich habe Respekt erfahren und Respekt empfunden. Dennoch gibt es mittlerweile einzelne weibliche Exemplare, die auch mir gehörig auf den Geist gehen. Männer dieser Sorte existieren selbstverständlich ebenfalls. Insofern ist der Gleichstand der Geschlechter zumindest im negativen Bereich gewahrt.
Freude bereitet mir hingegen die Erkenntnis, dass den vielen guten Frauen fast ebenso viele gute Männer gegenüberstehen. Es sind Menschen, die Leistung zeigen, Verantwortung übernehmen und unopportunistisch denken und handeln.
Solche Frauen und Männer schätze und achte ich. Ich nehme sie nicht selten sogar zum Vorbild. Ehrlicherweise muss ich jedoch eingestehen, dass ich den guten Frauen noch etwas mehr zuneige. Vielleicht ist das ein spätes inneres Korrektiv für den steinigeren Weg, den viele Frauen gehen mussten. Möglicherweise ist es aber auch einfach eine persönliche Präferenz, weil ich in meinem Leben wirklich viele gute Erfahrungen mit ganz besonderen Frauen machen durfte.
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- Peter-Jürg Saluz
Enttäuschungen sind schlimm. Das trifft auf zwei Formen zu. Mich macht allerdings eine Variante besonders traurig. Ob ich eine Enttäuschung verursache oder erleide, macht den Unterschied.
Wenn ich eine Enttäuschung verursache, fühle ich mich schlecht und natürlich auch schuldig. Mit Enttäuschungen, die man mir zufügt, kann ich besser umgehen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich im Umgang mit solchen die grössten Erfahrungen habe. Ich weiss, dass das etwas selbstgerecht klingt. Selbst bei einer kritischen Selbstbeurteilung komme ich jedoch zur Auffassung, mehr Erdulder als Verursacher zu sein. In unangebrachtes Selbstmitleid verfalle ich deswegen aber sicher nicht.
Die Differenz zwischen den beiden Arten von Enttäuschungen lässt sich übrigens leicht erklären. Buchhalterisch gesehen entsteht der Unterschied zwischen dem Aktiven und dem Passiven. Es ist wie das Verhältnis zwischen Täter und Opfer.
Weil ich das eigene Verhalten als nicht labiler Zeitgenosse durchaus kontrollieren kann, füge ich anderen Menschen möglichst keine Enttäuschungen zu. Ausnahmen gibt es natürlich trotzdem. Diese entstehen dann, wenn mein Bündner Temperament hin und wieder durchbricht. Gewollt sind sie manchmal allerdings auch – sobald mich jemand mit einer unangebrachten Anspruchshaltung konfrontiert.
Gegen die Enttäuschungen, die man mir zufügt, gibt es leider keine präventiven Massnahmen, denn sie treten meistens ganz unvermittelt auf und zerstören dann sehr oft sogar menschliche Beziehungen. Häufig, aber natürlich nicht ausschliesslich, habe ich das im Verlauf der Zeit erlebt, zum Beispiel wenn ich Alkoholkranken helfen und ihnen Verantwortung abnehmen wollte. Jedes gebrochene Versprechen (Verzicht auf Alkohol, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit am Arbeitsplatz) ist meiner Motivation abträglich gewesen. Mittlerweile engagiere ich mich – nicht nur meines Alters wegen – kaum mehr.
Über alles gesehen wird die Zahl der von mir zu ertragenden Enttäuschungen immer kleiner – die Anzahl meiner Bekannten aber auch. Letzteres hat immerhin einen Vorteil, denn der kleiner werdende Bekanntenkreis gewinnt mit jedem Aussieben an Qualität. Mich macht diese Erkenntnis zum Erbsenzähler, frei nach dem Motto der Gebrüder Grimm mit ihrem Aschenputtel: „Die Guten ins Körbchen …“
