Differenziertes Debattieren ist Vergangenheit. Sage ich „vielleicht“, entgegnet man mir mit einem bestimmten „Immer“, während von anderer Seite ein harsches „Niemals“ ertönt. Offenheit für unterschiedliche Standpunkte erzeugt Unmut. Auf dem schmalen, aber durchaus nicht kurzen Grat zwischen den Extremen setze ich mich einem Spiessrutenlauf aus. Kopfschütteln und Feindschaft schlägt mir entgegen, weil ich mich um Ausgewogenheit bemühe. Man nennt mich eine Verräterin an der einzig richtigen Sichtweise, obschon es diese gar nicht gibt. Meinungen zu begründen ist schwierig geworden, wenn man sich Zeit zum Nachdenken einräumt. Selbsternannte Wahrheitsvertreter quittieren fehlenden Absolutheitsglauben mit Verachtung, man wird von ihnen überrannt und verbannt.
Soll ich also Bedachtsamkeit durch Bestimmtheit und Tempo ersetzen? Oder soll ich schweigen, Zweifel für mich behalten und die Redezeit jenen überlassen, die schnell und scharf urteilen und verurteilen?
Ich entscheide ich mich weder für das eine, noch für das andere und bleibe meiner Überzeugung und somit mir selbst treu. Nichts ist absolut, nichts ist nur falsch, nichts nur richtig und nur selten ist etwas unabänderlich. Daran halte ich fest, solange die Welt in Bewegung ist. Auch wenn ich es mir damit nicht leicht mache.

