Politik ist zurzeit spannender, als mir lieb ist. Die täglichen Nachrichten aus Ost und Fernwest rauben mir oft den Schlaf und manchmal sogar den Atem. Das Leben ist zumindest interessant, sage ich mir dann, auch wenn es sich gerade ziemlich ungemütlich bemerkbar macht. Es ist mein verzweifelter Versuch, der aufkeimenden Angst zu trotzen und dystopische Gedanken in einen notwendigen und deshalb positiven Prozess umzudeuten. Doch die Feststellung, in der Schweiz herrsche Frieden, Freiheit und Wohlstand, greift nicht wie einst. Obwohl es uns materiell an nichts mangelt, unser Territorium von Krieg verschont, die Freiheit optimal und das Sicherheitsgefühl intakt ist, nehme ich den Alltag verändert wahr. Die Psyche gaukelt mir wohl Normalität vor, aber ich begreife, dass die genannten Annehmlichkeiten weder selbstverständlich sind, noch als selbstverständlich empfunden werden sollten. Alles scheint zwar in Ordnung zu sein, doch die Welt steht nah wie nie zuvor am Abgrund. Mittel und Möglichkeiten der Selbsttäuschung sind nur raffinierter geworden und die Bereitschaft, drohendes Unheil zu erkennen, ist geschwunden. Wir haben uns zu Weltmeistern und Weltmeisterinnen im Wohlfühlen entwickelt. Das mag für die einen vielleicht Gunst und Gnade bedeuten, für mich ist es der Anfang vom Ende.

