Enttäuschungen sind schlimm. Das trifft auf zwei Formen zu. Mich macht allerdings eine Variante besonders traurig. Ob ich eine Enttäuschung verursache oder erleide, macht den Unterschied.
Wenn ich eine Enttäuschung verursache, fühle ich mich schlecht und natürlich auch schuldig. Mit Enttäuschungen, die man mir zufügt, kann ich besser umgehen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass ich im Umgang mit solchen die grössten Erfahrungen habe. Ich weiss, dass das etwas selbstgerecht klingt. Selbst bei einer kritischen Selbstbeurteilung komme ich jedoch zur Auffassung, mehr Erdulder als Verursacher zu sein. In unangebrachtes Selbstmitleid verfalle ich deswegen aber sicher nicht.
Die Differenz zwischen den beiden Arten von Enttäuschungen lässt sich übrigens leicht erklären. Buchhalterisch gesehen entsteht der Unterschied zwischen dem Aktiven und dem Passiven. Es ist wie das Verhältnis zwischen Täter und Opfer.
Weil ich das eigene Verhalten als nicht labiler Zeitgenosse durchaus kontrollieren kann, füge ich anderen Menschen möglichst keine Enttäuschungen zu. Ausnahmen gibt es natürlich trotzdem. Diese entstehen dann, wenn mein Bündner Temperament hin und wieder durchbricht. Gewollt sind sie manchmal allerdings auch – sobald mich jemand mit einer unangebrachten Anspruchshaltung konfrontiert.
Gegen die Enttäuschungen, die man mir zufügt, gibt es leider keine präventiven Massnahmen, denn sie treten meistens ganz unvermittelt auf und zerstören dann sehr oft sogar menschliche Beziehungen. Häufig, aber natürlich nicht ausschliesslich, habe ich das im Verlauf der Zeit erlebt, zum Beispiel wenn ich Alkoholkranken helfen und ihnen Verantwortung abnehmen wollte. Jedes gebrochene Versprechen (Verzicht auf Alkohol, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit am Arbeitsplatz) ist meiner Motivation abträglich gewesen. Mittlerweile engagiere ich mich – nicht nur meines Alters wegen – kaum mehr.
Über alles gesehen wird die Zahl der von mir zu ertragenden Enttäuschungen immer kleiner – die Anzahl meiner Bekannten aber auch. Letzteres hat immerhin einen Vorteil, denn der kleiner werdende Bekanntenkreis gewinnt mit jedem Aussieben an Qualität. Mich macht diese Erkenntnis zum Erbsenzähler, frei nach dem Motto der Gebrüder Grimm mit ihrem Aschenputtel: „Die Guten ins Körbchen …“
