Eine Frau hat etwas ganz Kostbares verloren und kann es nicht wiederfinden. Alles Suchen ist vergeblich, selbst der Gang ins Fundbüro macht keinen Sinn.
Der Verlust ist riesig, und die Verliererin ist untröstlich. Dass Millionen Menschen denselben Verlust erleiden, macht ihren Kummer nicht kleiner, sondern nur noch grösser. Das Wissen, mit diesem Verlust nicht allein zu sein, lässt ihn erst recht als gigantisch erscheinen. Ganz schlimm aber ist die Vorstellung, dass das Vermisste nach einem wundersamen Wiederfinden gleich wieder verloren ginge. Als dürfte es nie wirklich zurückkehren.
Ihnen ist sicher längst klar, was verloren gegangen ist. Man nennt es Zuversicht.
Zuversicht ist etwas Seltsames. Sie ist kein Besitz, den man sicher verwahren oder sogar irgendwo ablegen und später wieder hervorholen kann. Sie lebt davon, dass wir an das Morgen glauben, selbst wenn wir noch nicht wissen, wie dieses Morgen aussehen wird. Sie lässt uns weitergehen, wenn der Weg unübersichtlich geworden ist, und sie gibt uns die Kraft, nicht jede Hoffnung beim ersten Gegenwind aufzugeben.
Wenn Ihnen die Zuversicht wundersamerweise angesichts dieser apokalyptischen Zeichen noch nicht abhandengekommen ist, müssen Sie alles daransetzen, sie zu bewahren. Nicht aus Naivität und schon gar nicht, weil es keinen Grund zur Sorge gäbe. Sondern gerade weil die Zeichen so beunruhigend sind. Weil Angst, Empörung und Verzweiflung sich leichter verbreiten als Vertrauen. Weil es immer einfacher ist, an den Untergang zu glauben, als sich die Möglichkeit einer besseren Zukunft vorzustellen.
Doch Zuversicht ist nicht nur etwas, das wir für uns selbst bewahren können. Wir können auch anderen Menschen helfen, sie nicht zu verlieren. Mit klugem Verhalten, mit Besonnenheit und mit dem Mut, nicht jede Angst weiterzutragen. Wir können darauf achten, welche Worte wir wählen, welche Bilder wir verbreiten und welche Geschichten wir weitererzählen. Wir können einander zuhören, statt einander zusätzlich zu verunsichern, und wir können dort widersprechen, wo Panik, Zynismus oder Schwarzmalerei die Oberhand gewinnen.
Manchmal genügt schon wenig: ein ruhiges Wort, ein nüchterner Blick auf die Dinge, ein Hinweis auf das, was trotz allem gelingt, oder schlicht die Bereitschaft, einem anderen Menschen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Zuversicht wächst nicht nur aus guten Nachrichten. Sie wächst auch aus dem Vertrauen, dass Menschen füreinander einstehen, dass Vernunft möglich ist und dass unser eigenes Verhalten einen Unterschied machen kann.
Gerade deshalb tragen wir eine gewisse Verantwortung für die Zuversicht unserer Mitmenschen. Wir sollten sie weder mit falschem Optimismus einlullen noch ihnen die Wirklichkeit schönreden. Aber wir können darauf verzichten, jede Befürchtung zur Gewissheit und jede Krise zur Katastrophe zu erklären. Wir können aufmerksam sein, ohne ängstlich zu werden, kritisch, ohne zynisch zu sein, und entschlossen, ohne die Hoffnung aufzugeben.
Bewahren Sie sich deshalb Ihre Zuversicht – und helfen Sie anderen dabei, die ihre zu bewahren. Sie ist kein Luxus für unbeschwerte Zeiten. Sie ist vielleicht das Kostbarste, was wir in schweren Zeiten besitzen. Und vielleicht gehört es gerade jetzt zu unseren wichtigsten Aufgaben, dafür zu sorgen, dass sie nicht verloren geht.
