SALUZER Der BLOG
Schreiben, was wir denken - unabhängig und unbeeinflusst. Das wollen wir. Unsere Texte werden kritisch, politisch, besinnlich und kulturell geprägt sein und immer wieder durch etwas Neues, nicht selten auch Amüsantes, ergänzt werden. Kommentare und Textbeiträge nehmen wir jederzeit gerne entgegen. Sie werden von uns wahlweise veröffentlicht oder als Anregung verstanden.

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- Peter-Jürg Saluz
Dass Orban endlich weichen muss, freut mich riesig, weil ich mich seit meiner Kinderzeit mit Ungarn verbunden fühle. Der ungarische Volksaufstand, der am 23. Oktober 1956 mit einer friedlichen Grossdemonstration der Studenten in Budapest seinen Anfang genommen hat, ist für meine Eltern und damit auch für uns Kinder ein prägendes Ereignis gewesen.
In meinem Elternhaus sind in der damaligen Zeit viele aus Ungarn geflüchtete Menschen zu Gast gewesen. Mein Vater hat sie jeweils mit dem Auto am Grenzbahnhof Buchs SG abgeholt und zu uns nach Hause gebracht, wo meine Eltern sie mit dem Notwendigsten ausgestattet haben, bevor ihnen eine erste Unterkunft zugewiesen worden ist.
Zwischen meinen Eltern und den ungarischen Gästen ist damals eine Freundschaft entstanden, die Jahrzehnte überdauert hat und zeitlebens nicht unterbrochen worden ist. Ungarische Männer und Frauen haben später auch immer zu meinem Bekanntenkreis gezählt, und solche Kontakte gibt es immer noch.
In meinen Augen wäre eine Fortsetzung der Ära Orban schrecklich gewesen. Ich hätte ein entsprechendes Wahlergebnis als Verrat am Volksaufstand von 1956 empfunden. Deshalb bin ich jetzt sehr erleichtert und der Meinung, dass das ungarische Volk – besonders mit Blick auf die grosse Wahlbeteiligung – stolz auf das erfreuliche Resultat sein kann.
Obwohl ich als Schweizer im Umgang mit der Europäischen Union vorsichtig sein will, finde ich es wichtig, dass die neue ungarische Regierung den von Orban angerichteten Schaden heilt und Ungarn so schnell als möglich wieder zu einem verlässlichen, loyalen Mitglied der EU macht. Dazu gehört aber unbedingt auch eine andere Haltung gegenüber der Ukraine. Von einem Volk, das selbst schon von russischen Panzern bedroht worden ist, darf man das doch erwarten.
Wenn ich heute Bilanz ziehe, geht es mir besser als vor etlichen Tagen. Es hat ja nicht nur Orban eine empfindliche Niederlage erlitten. Seine Fans in den extremen politischen Ecken sind ebenfalls kräftig auf die Nase gefallen.
Ich muss allerdings trotzdem einem besonders widerlichen Politiker aufrichtig danken. „JD“ Vance hat sich schliesslich euphorisch für Orban eingesetzt – der ungarischen Opposition also hervorragende Dienste geleistet. Das ist übrigens auch deshalb erfreulich gewesen, weil die Trump-Connection endlich im Zentrum von Europa eine deutliche Niederlage erlitten hat. Möge das ein Impuls für mehr Selbstbewusstsein der europäischen Staaten sein.
Nach den letzten Entgleisungen des Möchtegern-Sonnenkönigs aus Washington darf man für eine amerikaskeptische Haltung vielleicht sogar mit dem päpstlichen Segen rechnen.
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- Peter-Jürg Saluz
So ein „Bschiss“
Auf der Hut muss man immer sein, als Nutzer des Internets aber ganz speziell. Ich bin eben wieder einmal auf etwas gestossen, das man in meinem Dialekt „Bschiss“ nennt.
Auch wenn ich auf einer Internetseite alle Cookies erlauben oder nur eine Auswahl zulassen will, erlebe ich Erstaunliches. Dann sehe ich einen Schalter und werde gefragt, ob ich z. B. für 129 Anbieter eine Ausnahme machen will. Wenn ich auf den Nein-Knopf drücke, darf ich allerdings noch nicht erleichtert sein. Eine diskret platzierte Scroll-Liste führt mich zu einer weiteren Frage, die eine andere Anzahl von Anbietern betrifft. Das ist dann aber noch lange nicht die Endstation. Es geht im gleichen Stil unendlich weiter, weil man hofft, dass man einmal eine aktive Position übersieht und dann gewissen Anbietern der Zugriff erlaubt.
Wer gewissenhaft bei allen Positionen die Zustimmung verweigert, also keinen noch aktiven Zustimmungsschalter übersieht, hat es noch immer nicht geschafft. Er wird nämlich darauf hingewiesen, dass seine Daten trotzdem zu Drittfirmen fliessen, was unabänderlich zu sein scheint.
Wenn man das ganze Prozedere überstanden hat, kann man sich noch nicht freuen. Man wird nämlich aufgefordert, alle gewählten Einstellungen zu speichern. Das angeblich Unvermeidliche ist dann inbegriffen. Fait accompli! Dank unwissender Zustimmung ist der Datenklau perfekt.
Die Frage stellt sich, wie sich solches verhindern lässt. Die Antwort ist einfach: Man muss die entsprechenden Seiten meiden und halt manchmal auf ein verlockendes Angebot verzichten.
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- Peter-Jürg Saluz
Wenn ich an frühere Lebensabschnitte zurückdenke, fallen mir heute Dinge auf, die ich damals nicht als problematisch erkannt habe. Dieses nachträgliche Verstehen weckt den Wunsch, genauer hinzusehen, Zusammenhänge zu klären und vielleicht auch andere Menschen für ähnliche Erfahrungen zu sensibilisieren.
Beim Nachforschen stosse ich oft auf wissenschaftlich fundierte Erklärungen, die sich kaum verbessern lassen. Auch der folgende Gedankengang stützt sich weitgehend auf solches Wissen, das ich – mit Ausnahme meiner persönlichen Schlussüberlegungen – nicht als eigenes Werk verstanden wissen möchte.
Es geht um ein Phänomen, das als Parentifizierung bezeichnet wird. Gemeint ist damit eine Verschiebung innerhalb der Familie, bei der Kinder Aufgaben und Rollen übernehmen, die eigentlich den Eltern zukommen. Sie kümmern sich um emotionale oder praktische Bedürfnisse der Erwachsenen und tragen Verantwortung, die ihrem Alter nicht entspricht. Was auf den ersten Blick wie Hilfsbereitschaft erscheinen mag, bedeutet für die Betroffenen oft eine stille Überforderung, die ihre Entwicklung prägen kann.
Diese Rollenverschiebung zeigt sich auf unterschiedliche Weise. Manche Kinder übernehmen konkrete Aufgaben im Haushalt, kümmern sich um Geschwister oder organisieren den Alltag. Andere werden zu emotionalen Stützen, hören zu, trösten oder vermitteln bei Konflikten und geraten dabei in eine Position, die eher einer partnerschaftlichen Beziehung als einer kindlichen entspricht. In beiden Fällen verschwimmen die Grenzen zwischen kindlicher Rolle und elterlicher Verantwortung.
Die Ursachen dafür liegen häufig in belastenden Lebenssituationen innerhalb der Familie. Krankheiten, Suchtprobleme, Trennungen oder dauerhafte Konflikte können ein Ungleichgewicht erzeugen, das Kinder dazu bringt, Verantwortung zu übernehmen, um Stabilität herzustellen. Sie passen sich an, oft ohne sich der Tragweite bewusst zu sein.
Die Folgen zeigen sich nicht selten erst Jahre später. Viele Betroffene entwickeln ein stark angepasstes Verhalten und stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Ein übersteigertes Verantwortungsgefühl, Perfektionismus oder das Gefühl, immer stark sein zu müssen, können das weitere Leben prägen. Auch enge Bindungsmuster, die an Abhängigkeit grenzen, entstehen nicht selten aus solchen frühen Erfahrungen.
Der Weg zurück zu einer gesunden Selbstwahrnehmung führt meist über eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Entscheidend ist dabei, die eigenen Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben.
Gleichzeitig zeigt sich, dass solche Erfahrungen nicht in jedem Fall zwangsläufig schädlich sein müssen. Kinder können zeitweise Verantwortung übernehmen, ohne langfristige Nachteile zu erleiden. In gewissen Fällen kann eine frühe Reifung sogar Fähigkeiten fördern, die sich später als hilfreich erweisen. Mir ist zumindest ein Beispiel bekannt, in dem ein Kind durch eine solche Situation Kompetenzen entwickelte, die ihm im Erwachsenenleben zugutekamen.
Ergänzend dazu fällt auf, dass sich Rollen auch im späteren Leben erneut verschieben können, etwa wenn erwachsene Kinder für ihre Eltern Verantwortung übernehmen. Solche Entwicklungen gehören zum Leben, doch sie stellen immer wieder die Frage nach Ausgleich und Grenzen.
Am Ende bleibt die Einsicht, dass vieles zugleich belastend und förderlich sein kann. Entscheidend ist weniger das Ereignis selbst als der Umgang damit. Die Weichen werden selten allein durch die Umstände gestellt, sondern vor allem durch die Menschen, die handeln und entscheiden.
